Corona Interview – Selbstgespräch

Als ich Anfang des Jahres mit den Interviews begonnen habe, wusste ich noch nicht genau, wo die Reise hinführt. Ich wollte einen Überblick schaffen, wie unterschiedliche Zauberkünstler die Zeit der Pandemie bis jetzt erlebt haben und wie sie darüber denken. Auch wenn es vielleicht komisch klingt, oft ist es nicht schlecht, wenn man sieht, dass andere mit ganz ähnlichen Problemen wie man selbst zu kämpfen hatten. Ein Sprichwort sagt schon: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“. Es kann einen durchaus aufbauen, wenn man sieht, dass es anderen zum teil genauso ging.

Und gleichzeitig, so die Idee, kann man auch von den Strategien der anderen lernen. Was haben die, die scheinbar sehr gut bis jetzt durch die Pandemie kamen gemacht? Wie sind sie mit der Situation umgegangen? Und auch die Gedanken, wie wohl die Zukunft aussehen wird und was das für uns bedeutet macht durchaus Sinn, gemeinsam zu beleuchten und damit neu entstandene Chancen in den Fokus zu rücken.

Wichtig war mir, ausreichend Unterschiedliche Künstler/innen zu finden. Amateure und Profis, junge und ein wenig ältere, aus unterschiedlichen Sparten, verteilt über Österreich und teilweise auch Deutschland.

Jetzt, fünf Monate später denke ich eine guten Überblick geschaffen zu haben. Zudem begibt sich die Pandemie in den Sommerschlaf. Man kann davon ausgehen, dass dieser im Herbst beendet sein wird. Aber es ist nicht unbedingt ein Grund, das pessimistisch zu sehen. Denn es gibt auch eine gute Chance, dass auch ein Aufflackern, sobald es wieder kälter wird, im Rahmen bleibt und nur eine mäßige Anzahl an Maßnahmen notwendig sein wird. Masken geübt sind wir ja alle mittlerweile und das ist wie Fahrradfahren, man verlernt es nicht. 😉

Somit habe ich beschlossen diese Serie jetzt zu einem Abschluss zu führen. Und das letzte Interview möchte ich mit mir selbst führen. Eine Idee, die ich eigentlich ursprünglich nicht so geplant habe. Ich habe über die Wochen nur erleben dürfen, mit welcher unglaublichen Selbstverständlichkeit (fast) alle bereit waren, mir hier einen kleinen Beitrag beizusteuern. Somit denke ich, gehört es irgendwie dazu es auch selbst zu tun. Zudem, wenn man alle Interviews gelesen hat passiert genau das, was man ja eigentlich, unter anderem damit bewirken möchte. Man stellt sich die Fragen immer wieder erneut selbst. 😉

Und da ich euch die Antworten darauf nicht vorenthalten möchte, wünsche ich euch viel Spaß beim lesen! 🙂

Wie hast du die Pandemie bisher persönlich erlebt? Was hat es für dein Leben bedeutet?

2020 wurde die Trickbox gerade sieben Jahre alt. Trotz U-Bahn Baustelle, Straßenneugestaltung und erneuter Baustelle, einen sich massiv in Veränderung befindlichen Zaubermarktes und einigen privaten Berg- und Talfahrten lief alles eigentlich erstaunlich gut. Meine Onlinepräsenz wurde mit Blog und verstärkter Social Media Arbeit immer mehr ausgebaut und brachte mir immer mehr Kunden. Meine Zauberakademie fand immer mehr Teilnehmer, Show-Anfragen stiegen und es gab viele Pläne für die Zukunft.

Aber alle Pläne waren mit März 2020 dahin. Shows wurden nach und nach alle abgesagt, meine Kurse musste ich selbst auf Eis legen und das Geschäft blieb nach 32 Jahren von heute auf morgen geschlossen. Zwar hatte ich einen Webshop, aber mein Kerngeschäft war tatsächlich der Verkauf vor Ort. Und alles von heute auf morgen auf online verlagern, das läuft leider nicht. Hier braucht es nicht nur den entsprechend passen ausgebauten Webshop, sondern auch ein gewisses Maß an Infrastruktur dahinter. Eine Erfahrung, die wohl so einige Händler in der Zeit machen mussten.

Zudem gab es ein Problem, Kunden kaufen bei mir häufig, wenn sie das verkaufte irgendwo zum Einsatz bringen können. Der Bedarf an Zauberartikeln in einer Pandemie ist spürbar weniger.

Kurz, geschäftlich hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Jahre zuvor sind viele Ressourcen vor allem ins Geschäft rein geflossen, um es für die Zukunft aufzubauen. Und diese Zukunft hatte gerade erst frisch begonnen.

Ob und welche Art von Hilfen es geben wird, beziehungsweise wie schnell diese gegebenenfalls ankommen war natürlich auch nicht vorhersehbar. Dazu kam, dass die Geburt meines Sohnes kurz bevor Stand. Das machte so manch Entscheidung nicht unbedingt leichter.

Wie bist du als Künstler mit der Situation umgegangen? Was hatte Erfolg und was eher nicht?

Ich habe recht schnell begonnen, mich durch viele Fachartikel zu lesen, um die Situation so gut wie möglich beurteilen zu können. Schnell war damit zum Beispiel klar, dass dies eine längere Geschichte werden wird. Glaubhafte Prognosen gingen 2020 von zumindest 18 Monaten aus. Mittlerweile wissen wir, dass es noch viele Monate mehr werden sollten.

Nun habe ich das Glück, auch ein Leben vor der Trickbox gehabt und auch was richtiges gelernt zu haben. 😉 Tatsächlich bin ich Krankenpfleger. Ein Job, den ich über viele Jahre durchaus mit Leidenschaft gemacht habe und der auch ein Teil von mir ist. Somit habe ich mich bei der Zivildienst-Agentur gemeldet und habe, fast 20 Jahren nach meinem letzten, nochmal drei Monate dran gehängt (mehr dazu hier).

Im Sommer 2020 gab es dann einige spannende Aktionen. Großartig war der Workshop mit Wolfgang Moser und Philipp Ganglberger. Das gab so richtig Motivation wieder weiter zu machen. Und von der brauchte man viel, wie man im Herbst feststellen sollte.

Über die Monate hatte ich viel Zeit, mir zu überlegen, wie die Trickbox in Zukunft aussehen soll. Klar war, die Welt wird gerade schneller digitaler, als ursprünglich gedacht. Weil es keine andere Möglichkeit gab, bestellten Menschen online, die das zuvor noch nie gemacht haben. Und diese Veränderung ist gekommen um zu bleiben. So gerne ich über die vielen Jahre, sechs Tage pro Woche im Zauberladen gestanden bin und auf Kunden gewartet habe, wurde mir immer mehr klar, dass dies wohl nicht das Modell der Zukunft sein wird.

Somit habe ich eine neue Vision geboren und die Trickbox in der heutigen Form wurde nach und nach geformt. Nach erfolgreichen Crowdfunding war es dann 2021 endlich soweit und der kleine Zauberladen wurde nach Wiener Neustadt übersiedelt und hier neu Eröffnet.

Auch mein Krankenpflegediplom wurde in der Zeit nochmal reaktiviert und ich konnte 1,5 Jahre viele spannende Eindrücke bei der Volkshilfe Niederösterreich sammeln. Vor kurzem, Anfang April 2022, bin ich wieder voll in die Selbstständigkeit eingestiegen.

Wenn du die Zeit zurück drehen könntest, gibt es etwas, das du aus jetziger Sicht anderes machen würdest?

Bei den Interviews, die ich zugesendet bekommen habe, war diese Frage meistens eher spärlich beantwortet. Und je mehr ich darüber nachgedacht habe, umso mehr kann ich es verstehen. 😉

Natürlich, ist man im Nachhinein immer gescheiter. Aber wer weiß schon, was gekommen wäre, hätte man dies oder das anders gemacht. Gleichzeitig bedeuten intensive Zeiten aber auch immer, dass es viel zum dazulernen gibt.

Ich denke, ich habe vor allem viel über mich selbst gelernt. Verändert sich viel und man passt sich an, bleibt einen gar nichts anderes übrig, als darüber nachzudenken wer man ist und wer man sein möchte. Das betrifft das Berufs- wie auch das Privatleben. Und irgendwie bedingt sich beides ja auch.

Ich habe gelernt, dass es für Probleme meiste auch eine Lösung gibt, auch wenn man diese nicht gleich sieht. Darauf zu vertrauen und alles ruhiger anzugehen, hilft einen nicht zu viel Ressourcen unbedacht in Dinge zu stecken, die zur Lösung manchmal nicht so viel beitragen wie erhofft. Dieses glauben an sich selbst und seine Umgebung bringt dadurch häufig wertvolle Dinge wie Zeit mit sich, die man zum Beispiel für sich selbst oder auch seine Familie viel besser nutzen kann.

Wie hat sich die Pandemie aus deiner Sicht auf die Zauberkunst ausgewirkt? Wo gab es die größten Veränderungen?

Die Zauberkunst, beziehungsweise die Zauberszene ist grundsätzlich immer im Wandel. Ein Querschnitt der Zauberer und ihrer Idee von Zauberei weist mit Sicherheit deutliche Unterschiede auf, mit dem der Zauberer vor 100 oder 200 Jahren. Die Pandemie hat hier aber dazu beigetragen, dass sich viele Dinge wesentlich schneller als erwartet verändert haben.

Es wird verstärkt online gekauft, Seminare gehalten, sich ausgetauscht und sogar Shows gespielt. Aber sich sehe dies alles nicht unbedingt als eine in sich geschlossene Veränderung. Viel mehr ist es eine Ergänzung, die stark mit der Offline-Welt verflochten ist. Nichts davon ist ein Ersatz, zumindest keiner, den ich als wünschenswert erachten würde. Und ich habe das Gefühl hier geht es vielen ebenso.

Tatsächlich habe ich kein einziges Online-Seminar, oder auch eine Online-Show gesehen. Ich finde es gut, dass es hier Künstler gibt, die das machen, da es ja offensichtlich auch Menschen gibt, die dies gerne konsumieren.

Ich selbst habe ein wenig damit experimentiert, aber wie immer, wenn man dies mit Dingen tut, die einem selbst nicht ansprechen, bringt dies einfach nichts. Shows schaue ich mir einfach lieber live an. Und, dass ich mir eine Online-Live-Lecture um 2:30 in der Früh aufdrehe, schlafe ich einfach zu gerne. 😉

Welche Veränderung in der Welt, die durch die Pandemie entstanden sind, werden deiner Meinung nach auch in Zukunft erhalten bleiben?

Zugegeben, dies ist eine sehr große Frage für so ein Interview. Veränderungen habe es ja unzählige, aber es wird sich erst nach und nach herausstellen, welche davon beständig sind.

Ich habe den Fokus hier vor allem auf Veränderungen, die ich als grundsätzlich positiv empfinde und an denen es sich aus meiner Sicht lohnt festzuhalten und diese weiter zu entwickeln.

Home Office zum Beispiel, wurde in den letzten Interviews immer wieder genannt. Ich habe das im privaten Umfeld durchaus als etwas sehr nützliches erlebt. Vorausgesetzt natürlich immer, dass es eine passende Möglichkeit in den eigenen vier Wänden gibt. Ich denke, wenn hier gesetzlich vernünftige Rahmenbedingungen geschaffen werden, kann dies eine sehr gute Ergänzung für viele sein. Weniger Menschen, die zur Arbeit fahren und wieder heim entlastet auch die Straßen und ist gut für die Umwelt. Und wer weiß, vielleicht wird es in Zukunft ja sogar normal, dass man Jobs in ganz anderen Regionen der Welt annehmen kann, ohne dafür das Haus verlassen zu müssen. Und wenn es „nur“ zu einer besseren Work-Live Balance beiträgt und die Menschen dadurch mehr Zeit zum Zaubern haben, ist es ja schon ein großer Gewinn. 😉

Was in der Pandemie noch sehr deutlich geworden ist, ist die Abhängigkeit von weltweiten Lieferketten. Hier ist die Hoffnung schon etwas kleiner, dass es nachhaltige Veränderungen gebe wird. Aber sie ist durchaus da und berechtigt, wenn man die Medienberichte zu diesem Thema verfolgt. Gerade für den Zaubermarkt würde ich mir wünschen, dass hier mehr an Produktion in Europa, vielleicht sogar direkt in Österreich stattfinden würde. 99% meiner Produkte stammen von einem andern Kontinent. Gleichzeitig könnten diese aber auch zu 100% in Europa produziert werden. Das ist aus meiner Sicht absurd. Und über die Vorteile und Sinnhaftigkeit, die so eine Veränderung bringen würde könnte man ein ganzes Buch füllen. Der einzige Vorteil, den wir so haben, es ist ein paar Euro billiger. Nur zahlen wir für dieses billiger einen hohen Preis…

Eine dritte Veränderung, die ich hier noch erwähnen möchte, hat wahrscheinlich die geringste Chance an Nachhaltigkeit. Es ist ein Wertschätzen von dem was man hat. Die Pandemie, war für viele wie eine lange, unfreiwillige Fastenzeit. Eine Zeit des Verzichtens. Schon in den letzten Interviews kam vor, wie sehr manchen Künstlern auffällt, wie dankbar Zuseher sind jetzt wieder Live-Shows erleben zu dürfen. Und genauso sind die Künstler froh, wieder ihr Publikum zu haben. Bei diesen und vielen anderen Dingen, erleben viele momentan, wie viel Bedeutung es für einen hat. Und das ist ein gutes Gefühl.

Manches ist gekommen um zu bleiben. Manches um irgendwann wieder zu verschwinden. Manches kommt vielleicht auch wieder, wie die Pandemie. Aber auch sie wird irgendwann wieder verschwunden und vergessen sein. Ich bin gespannt, welche Spuren sie hinterlassen wird.

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