Magicians Fooler
Wir haben ein Problem in der Zauberei über das kaum jemand spricht. Und das hat auch einen sehr einfachen Grund. Uns fehlen die Worte dafür.
Wenn jemand neuer zu mir in den Zauberladen kommt, versuche ich üblicherweise so einige Fragen zu stellen. Das hat einen einfachen Hintergrund. Ich versuche erstmal draufzukommen, was für diesen Menschen Zauberei eigentlich ist. Ich frage welcher Zauberkünstler so bekannt sind, welche Vorführungen gut gefallen,… und so weiter. Wenn du dir gerade denkst, dass es hier ja nicht so große Unterschiede geben kann, dann geht es dir so wie den meisten. Tatsächlich sind die Unterschiede größer als einem das meist bewusst ist.
Und es kommt noch schlimmer. Die Ideen was Zauberkunst nun eigentlich ist, oder sein sollte widersprechen sich zum Teil sogar! Und was nun richtig, oder falsch ist, lässt sich am Ende nicht einmal feststellen. Denn wir haben schlicht nur den Begriff Zauberei dafür. Ein Begriff der vieles beinhaltet, aber nichts so richtig meint.
Schauen wir uns mal eine typische Sicht an, die weit verbreitet ist: “Das Kunststück hat gut funktioniert, niemand ist draufgekommen wie es geht.”
Und? Stimmt das nun? Irgendwie schon, oder? Zumindest wäre es wohl kein Zauberkunststück, wenn jeder wüsste wie es geht. Bei der berühmten Show Fool Us, bei der Penn & Teller versuchen zu erraten, wie Kunststücke funktionieren, die ihnen von Top Zauberkünstlern vorgeführt werden geht es zum Beispiel genau darum. Auf Youtube werden Erklärungen von diversen Tricks mit den Worten angepriesen: “Damit foolst du jeden!”. Und sogar am Zaubermarkt, werden Kunststücke zum Teil als Magicians Fooler gehandelt, also Tricks von denen andere Zauberer nicht sagen können wie es geht.
Gehen wir nun zu einer anderen Aussage über, auf die viele schwören: “Zauberei muss unterhaltsam sein.”
Auch da kommt doch gleich ganz automagisch ein innerliches Zunicken, oder? Wer möchte schon einen langweiligen Trick sehen. Am besten ist das ganze noch lustig, denn lachen tun wir schließlich alle gerne, oder?
Tatsächlich gibt es noch viel mehr so Zugänge, was Zauberei ist, oder zu sein hat. Aber die beiden alleine reichen schon, um ein wenig zu zeigen wo das ganze beginnt sich zu reiben. Nehmen wir zum Beispiel mal an, ein Zuseher hat eine Karte gezogen, wieder irgendwo ins Spiel reingesteckt und der Zauberer findet diese. Der Zuseher weiß nicht wie es geht, alles war aber furchtbar langweilig vorgeführt. Hat das Kunststück nun funktioniert, oder nicht? Man könnte sagen ja, aber es war fad. Man könnte aber auch sagen nein, denn das ist eigentlich gar keine Zauberei.
Oder was wäre, wenn der Zuseher die Karte auf Spiel legt und der Zauberer eine schlechtes, sehr offen für alle sichtliches Falschabheben macht. Danach dreht er sich um, sucht die gewählte Karte raus und legt sie auf den Tisch. Das ganze macht er aber so unterhaltsam, dass alle Tränen lachen. War das nun gute Zauberei, oder nicht?
Ich habe die beiden Zugänge nicht ohne Grund ausgewählt. Denn sie zeigen sehr gut die beiden Pole, die es bei so einer Zaubervorführung gibt, die oft in einen gewissen Spannungsverhältnis zueinander stehen. Zum einen die Zauberei als darstellende, unterhaltende Kunstform. Hier geht es darum Geschichten zu erzählen und Emotionen auszulösen. Dabei geht es um weit mehr Emotionen als “nur” Lachen. Ein und das selbe Kunststück, lässt sich auf unendlich viele Weisen umsetzen und präsentieren. Die Ergebnisse sind dabei oft wie Tag und Nacht.
Das Spannungsverhältnis der beiden Pole entsteht meiner Ansicht nach unter anderem deshalb, weil sie zum einen andere Ziele haben, zum anderen sich aber auch Gegenseitig brauchen. Denn wenn das ganze mehr wie ein kurzer, schneller Trick werden soll, also ein Wunder, das lange in Erinnerung bleibt, sind Emotionen notwendig. Sie sind sozusagen der Schlüssel zu unserem Langzeitgedächtnis.
Gegenüber der Unterhaltung steht das Wunder. Dieses beruht in der Regel zumindest auf einem Puzzle. Ein Puzzle ist in diesem Fall etwas, das man herzeigen kann und die Zuseher wissen danach nicht wie es gemacht wurde. Also das, wo viele schon davon ausgehen, dass es eigentlich Zauberei ist. Und die Grenzen zwischen Puzzles und Zauberkunststücken sind tatsächlich fließend.
Wunder werden allerdings in der Regel aber meist nicht nur durch ein einziges Puzzle erzeugt. Wenn es einen Magicians Fooler gibt, dann genau das. Ebenso wenig, wie die gute Präsentation reicht auch dieses eine Trickgeheimnis in der Regel nicht aus, um eine bleibende Erinnerung an etwas unmögliches zu schaffen. Beschäftigt man sich mit guten Routinen, merkt man schnell wie viele Dinge hier ineinander übergreifen. Mehrere Methoden und Prinzipien kommen zum Einsatz, die sich gegenseitig überdecken. Selbst die Präsentation wird zum Teil der Methode. Eine Unzahl an Kombinationsmöglichkeiten und Ergebnissen entsteht. Und was am Ende gut oder schlecht ist, liegt wieder im Auge des Betrachters.
Ein Beispiel gefällig? In meinen Kursen versuche ich die Teilnehmer immer wieder Kartenkunststücke vorführen zu lassen, bei denen sie die Karten so wenig wie möglich berühren. Die Idee ist es hier Prinzipien und Methoden zu vermitteln, bei denen die Zuseher das Gefühlt haben, die Karten wurden am Ende (fast) überhaupt nicht angefasst. Es ist echte Magie geschehen!
Im Gegensatz dazu habe ich vor einiger Zeit ein Seminar mit Bill Malone gesehen. Ein großartiger Zauberkünstler, den ich selbst stundenlang zusehen könnte. Er erklärt genau das Gegenteil. Die Karten bleiben bei ihm für keine Sekunde ruhig. Wenn er spricht und er sie gerade nicht braucht, werden diese (falsch) gemischt und abgehoben. Alles ist immer in Bewegung!
Was stimmt denn nun? So einfach ist das gar nicht zu sagen. Es kommt halt darauf an….
Alles ist irgendwie Zauberei. Alles gehört irgendwie dazu. Das einzige, wo wir uns einig sind ist, dass Zauberei eigentlich nicht echt ist. Und was wir frei erfinden, daraus können wir am Ende das Tages machen was wir wollen. Und trotzdem ist es manchmal ganz gut, sich diese Tatsache bewusst zu machen. Denn ich glaube es gibt einen Punkt der daraus resultiert, der für einen persönlich wichtig sein kann. Wenn sich solch Kunststücke und Präsentationen in ihrer Idee widersprechen können, ist es aus meiner Sicht wichtig, dass man seine eigenen, in Folge vorgeführten Kunststücke daraufhin überprüft.
Wir leben in einer Zeit, in der immer häufiger Ideen, vor allem aus dem Internet übernommen werden. Man ist immer mehr damit beschäftigt neues auszuprobieren und verbringt immer weniger Zeit damit sich zu überlegen, wen man eigentlich darstellen möchte, beziehungsweise wie die eigene Zauberkunst aussehen soll. Und am Ende, ist man der einzige Magician den man gefoolt hat.
